Mobiltelefon-Betriebssysteme

Heutige Mobiltelefone sind meisten kleine Computer, die abgesehen von den Bedienelementen und der Anzeige etwa dem Stand eines Laptop- oder Desktopcomputers von vor 10 Jahren entsprechen. Das trifft für die sogenannten Smartphones zu, aber wohl auch für einen Teil der nicht als Smartphone bezeichneten Geräte. Witzigerweise gibt es sogar dieselben drei Betriebssysteme, die wir auf Desktoprechnern heute häufig finden, jeweils in Varianten für Mobiltelefone, wobei Linux bei den Mobiltelefonen in Form von Android klar dominiert, was beim Destop ja erst für 2014 erreicht werden könnte ;-), während das MS-Windows-Phone im Gegensatz zu seinem großen Bruder auf dem Desktop eher eine Randerscheinung ist.

Nokia war Anfang 2011 mit Symbian Marktführer und hatte mit Maemo und Meego aussichtsreiche Systeme in der Entwicklung, um diesen Stand zu halten, hat sich aber selbst abgeschossen bzw. ist vom Management versenkt worden und jetzt nur noch ein unbedeutender Nischenanbieter für diejenigen, die gerne ein MS-Windows-Mobiltelefon haben wollen und dieses nicht von einem der ostasiatischen Anbieter kaufen. Die Entwicklungsabteilungen sind 2011 weitgehend abgewickelt worden, aber vielleicht ist das auch eine Chance für innovative Startup-Firmen, die in Finnland und anderen ehemaligen Nokia-Standorten sehr gute Entwickler für Mobiltelefone und Mobiltelefonsoftware finden können. Eine solche Startup-Firma ist Jolla, die das ehrgezeige Ziel verfolgen, mit einem kleinen Teil der ehemaligen Nokia-Entwickler an die Tradition dieser Firma anzuknüpfen und die besten Mobiltelefone zu bauen. Ob das ein Erfolg wird, werden wir sehen, es ist sicher noch zu früh, darüber etwas zu sagen. Und was die besten Telefone sind, darauf gehe ich weiter unten noch kurz ein.

Blackberry (bzw. damals als Firma noch RIM) hatte für ein Marktsegment ein gutes Telefon mit einem Gesamtkonzept angeboten und für den Zweck, EMails zu schreiben, sind diese Geräte mit einer echten Tastatur wohl immer noch den reinen Touch-Screen-Geräten von Samung, HTC und Apple überlegen, aber ihr Marktanteil ist trotzdem zurückgegangen. Waren „Coolness“ und „Mode“ und die bessere Spielesammlung wichtiger als ein zweckmäßiges Arbeitsgerät? Oder reicht es in der Regel, die Mails unterwegs lesen zu können? Wir werden sehen, ob die neuen Blackberry-Geräte nach dem „Relaunch“ diesen Trend aufhalten können.

Android ist sicher im Moment mit großem Vorsprung Marktführer, was Apple mit iOS trotz Hype nie war und wahrscheinlich auch nicht mehr werden wird, weil sie ihren Zenit schon überschritten haben und jetzt auf dem absteigenden Ast sind. Wir werden in ein paar Jahren sehen, ob Apple es schafft, sich als Nischenanbieter zu stabilisieren. Man weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber es läßt sich doch heute erkennen, daß Leute, die Android und iOS-Telefone (oder sagen wir Samung- und Apple-Geräte?) kennengelernt haben, meistens die Android-Geräte präferieren. Den „Coolness“-Faktor haben heute selbst in der sehr Apple-orientierten Schweiz eher die Top-Android-Geräte. Da nun das Apples Geschäftsmodell mit dem App- und Musikstore sehr auf einen Massenmarkt fixiert ist, wird es spannend, wie es sich auswirken wird, wenn der Rückgang nicht nur in Marktanteilprozenten, sondern auch in absoluten Zahlen spürbar wird. Aber es ist ja gut, daß wir eine gewisse Vielfalt und damit einen Wettbewerb der Systeme haben.

Auf der Linux-Seite gibt es übrigens noch andere Systeme außer Android, die interessant werden können. Fast zu viele, könnte man sagen. Maemo ist auf dem Nokia N900 eingesetzt worden, mir sind aber keine zukünftigen Mobiltelefon-Projekte bekannt, die Maemo verwenden wollen. Meego war ein gemeinsames Projekt von Nokia und Intel, das auf dem N9 zum Zuge kam und für das es gerüchteweise Entwicklungen bei Nokia gab, um recht „kleine“ Smartphone zu bauen, die relativ wenig kosten, wenig Strom verbrauchen oder nicht so schwer und groß im Gepäck sind, aber diese Entwicklungen sind alle eingestellt worden, bevor die ersten Geräte damit erschienen sind, deshalb werden es wohl Gerüchte bleiben. Meego selbst wird wohl von keinem großen Anbieter mehr verfolgt, aber daraus sind Tizen, das Samsung in Zukunft verstärkt einsetzen möchte, und Sailfish von Jolla entstanden. Nun gibt es noch ein Ubuntu-Derivat für Mobiltelefone, Ubuntu Mobile, FirefoxOS und vielleicht noch WebOS. Eine schöne Sammlung an Systemen und wer noch ein altes Zweit-Smartphone hat, kann vielleicht sogar ein paar von diesen Systemen ausprobieren. Vielleicht mache ich das selber auch einmal, dann wird es hier Erfahrungsberichte gbeben…

Da die allermeisten Anwender, zu denen ich mich auch zähle, das Betriebssystem nutzen, das mit dem Telefon ausgeliefert wird, ist die Frage also auch, was die Gerätehersteller so anbieten werden. Vielleicht wird es aber auch wie bei Desktop- und Laptop-Computer Angebote geben, die nur die reine Hardware verkaufen und dem Benutzer die Wahl lassen, welches der Systeme darauf installiert wird? Wenn sich für die Entwicklung von Mobiltelefonapplikationen HTML5 weitgehend durchsetzt, wird es auch kein Nachteil mehr sein, eine seltene Plattform zu haben. Zumindest von Sailfish weiß ich aber auch, daß sie auch die Möglichkeit vorsehen, Android-Apps zu installieren und auszuführen, was vielleicht nicht so schwierig ist, da ja beides Linux-basierte Systeme sind, allerdings ist die Grafikschicht wohl sehr verschieden, was doch noch eine größere Hürde sein könnte. Interessant ist noch, daß der Linux-Kernel bei diesen Systeme praktisch derselbe Linux-Kernel ist, der auch auf größeren Systemen bis zu den größten Supercomputern läuft, abgesehen von kleineren Unterschieden bedingt durch die Prozessorarchitektur und die Versionsnummern. Wie es bei iOS und MS-Windows-Phone ist, ob diese Systeme viele Gemeinsamkeiten mit ihren großen Brüdern MacOS X und MS-Windows haben oder nur kleine Teile gemeinsam nutzen und einfach gemeinsam vermarktet werden, weiß ich nicht.

Welches System ist nun das beste? Ich denke, daß das jeder selber entscheiden möchte. Die Grundfunktionen, die man eigentlich braucht, können alle. Das sind gar nicht viele:

  • Telefonieren
  • SMS (ja, dafür gibt es Flatrates)
  • Licht, um ein Schild zu lesen oder ein Zahlenschloß zu öffnen oder so
  • Fotografieren (ja, da gibt es Unterschiede, Nokia soll mit dem am besten gewesen sein)
  • Musik hören
  • EMails lesen und schreiben (beim Schreiben sind Geräte mit physikalischer Tastatur wie Blackberry oder N900 im Vorteil)
  • Webseiten lesen, Webapplikationen verwenden (das können alle)
  • Landkarten und Navigation (da ist Android gut, Nokia war noch etwas besser und Apple will und wird das auch irgendwann einmal können)
  • Kalender
  • Uhr
  • Wecker

Und natürlich braucht man noch sehr viele Apps, was ich auf dem N900 auch habe, obwohl das ein eher seltenes System ist. Ja, einige Apps sind schon schön zu haben, wie zum Beispiel die SBB-App oder das Äquivalent von der deutschen Bahn, die man nur für Android und iOS bekommt, aber dort helfen auch die entsprechenden Web-Applikationen ganz gut weiter. Aber wenn man die Unmengen an Apps anschaut und diejenigen, deren Funktion sich gut durch vorhandene Webapplikationen ersetzen läßt oder die nicht wirklich viel bringen, aussortiert, bleiben sicher ein paar interessante Apps übrig, die man vielleicht sogar in die obige Liste hinzufügen möchte. Man kann sich noch überlegen, ob man Freude daran hat, Firmen zu unterstützen, die durch exzessive Patentklagen auf sich aufmerksam machen, zum Teil mit Trivialpatenten, wie man sie nur in den Vereinigten Staaten bekommen kann. Oder Firmen, die bei Einkäufen mit dem Mobiltelefon, die mit einer App getätigt werden, 30% vom Umsatz einsammeln, was mehr als Wucher ist. Ich denke, daß man ähnlich wie man in der EU einem großen Betriebsystemanbieter das Bundling von OS und Browser eingeschränkt hat, auch den Herstellern von Mobiltelefonen und Mobiltelefonbetriebsystemen abverlangen könnte, daß sie es dem Anwender ermöglichen, einen anderen App-Store und einen anderen Musik-Store zu verwenden als den vom Systemanbieter betriebenen.

Letztlich ist es wie bei Kleidung überwiegend eine subjektive Entscheidung, welches Mobiltelefon und welches zugehörige Betriebssystem man bevorzugt und deshalb auch schwierig, darüber zu diskutieren, welches besser ist. Welche Kleidung wird primär mit technischen Eigenschaften wie z.B. der Reißfestigkeit verkauft?

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2 Gedanken zu „Mobiltelefon-Betriebssysteme

  1. Pingback: Dockingstation für Mobiltelefone | Karl Brodowskys IT-Blog

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