Einmal entwickeln – überall installieren

Das ist eine der großen Versprechungen von Java gewesen. Nun gab es drei oder bei genauerem Hinschauen etwas mehr als drei Varianten von Java, also „Micro-Edition“ (JavaME) für Toaster, Radios und Mobiltelefone, „Enterprise-Edition“ (JavaEE, JEE oder J2EE) für die ganz großen Server, die Sun auch gerne selber verkauft hat und „Standard-Edition“ (JavaSE) für „normale“ Aufgaben. Diese Aufteilung hat sich ein bisschen relativiert. Von JavaME hört man heute weniger, weil die Mobiltelefone heute leistungsfähig genug für JavaSE wären, wenn man es sich antun wollte, sogar für JavaEE. Die Programmierung von Toastern, Radios und Waschmaschinen ist ein Spezialgebiet, „embedded-Entwicklung“, mit dem man auch in der Informatik nur selten zu tun hat und diese Dinge nimmt man auch im Alltag kaum als Software wahr. JavaEE war in den ersten 10 Jahren einfach nur ein Rezept, um Programme langsamer, größer, komplizierter, störanfälliger und schlechter wartbar zu machen. Und man hatte plötzlich Abhängigkeiten vom Applikationsserver, die zwar idealerweise nicht den Programmtext selbst, wohl aber die Tonnen von XML-Konfiguration und die Deployment-Prozesse betraf. Da haben sich dann andere Frameworks entwickelt, zum Beispiel Spring, die etwas weniger schwerfällig daherkamen. Und für die Persistenz in JavaEE etablierte sich Hibernate und Eclipselink, was auch in JavaSE verwendbar ist. Nennt man nun eine Applikation, die mit Spring und Hibernate arbeitet, JavaEE oder JavaSE? Ich habe beides gehört. Jetzt sollte man bitte nicht versuchen, eine Applikation so zu entwickeln, dass sie wahlweise mit Spring und dem „Original-JavaEE“ läuft.

In den späten 90er-Jahren hatten Browser JavaSE eingebaut, damit man Applets schreiben konnte. So zeichnete es sich ab, dass jeder Rechner, den man kauft, eine gewisse Ausstattung bekommt, zum Beispiel einen Browser und eine Java-Installation. Dann hätten Java-Programme auf allen Desktop-Rechnern laufen können. Vielleicht müsste die Version hoch genug sein, weil Java sich natürlich weiterentwickelt hat und gelegentlich auch auf JavaVM-Ebene Erweiterungen nötig waren. Mit einem gute Software-Update-Mechanismus, wie wir ihn heute bei Linux-Distributionen oder bei den meisten Mobiltelefonen finden, hätte sich das lösen lassen. Dumm war nur, dass es eine Zeit gab, wo noch viele Anwender ein Modem mit 56k hatten und wo eine Java-Installation 80 MB groß war. Dann ist aber irgendwann, etwa nach dem Jahr 2000, die Java-Installation auf gängigen PCs selten geworden und man musste Endkunden bei der Installation von Java (wohlgemerkt 80 MB über das Modem) supporten, um ihre Java-Installation zum Laufen zu bringen. Das konnte sich nur in wenigen Fällen lohnen und man hat lieber auf Web-Applikationen gesetzt, was sich weitgehend durchgesetzt hat. Und die Browser können heute JavaScript, aber kein Java.

Bei den Mobiltelefonen gab es einige vielversprechende Anläufe, um Software-Entwicklung für eine Vielzahl von Geräten auf einmal zu ermöglichen. JavaME war eigentlich keine schlechte Idee, weil das auch auf recht kleinen Telefonen lief und auf den dicksten Smartphone könnte man es auch haben. Ein anderer Ansatz, der vielleicht ein bisschen weniger bekannt ist, ist die Verwendung des Qt-Frameworks für C++. Das ermöglicht auch auf einer Vielzahl von Geräten vom Arbeitsplatzrechner mit Linux oder MS-Windows bis zum Mobiltelefon „dieselbe“ Software laufen zu lassen, natürlich mit kleinen Anpassungen, um dem Benutzerinterface Rechnung zu tragen, und mit einer Neucompilierung für die Zielplattform. Diesen Weg hat Nokia verfolgt, als sie noch ernsthaft Mobiltelefone entwickelt haben und Qt-Applikationen liefen auf Symbian und Linux-Geräten (N900, N9), womit die Umstellung von Symbian auf Meego-Linux innerhalb kürzester Zeit eine reiche Auswahl an Apps für die neue Plattform ermöglicht hätte. Da Nokia sich aus der Mobiltelefonieentwicklung weitgehend und aus Meego und Symbian ganz zurückgezogen hat, bietet sich hier die Chance für neue Anbieter, wie zum Beispiel Jolla, mit dem Knowhow der ehemaligen Nokia-Mitarbeiter und deren vielversprechenden Ideen in den Markt einzusteigen und einen Teil der Rolle, die Nokia einmal hatte, zu übernehmen. Für native Apps auf dem Mobiltelefon ist aber aus heutiger Sicht die Dalvik-Engine von Android das mit Abstand zukunftsträchtigste Modell. Das ist letztlich eine weitere Java-„Edition“ und ermöglicht immerhin eine Lauffähigkeit auf dem überwiegenden Teil der neu verkauften Smartphones. Neue Linux-basierte Mobiltelefon-Betriebssysteme haben zum Teil die Möglichkeit integriert, für Dalvik geschriebene Android-Apps auszuführen. Aber einige Anbieter fahren bewusst die Schiene der Inkompatibilität ihrer Geräte und verlangen so eine Eigeneentwicklung nur für diese. Das schöne daran ist, dass dieser Ansatz scheitern wird, sobald die Marktanteile nicht mehr so groß sind. Hier werden sich wahrscheinlich Web-Applikationen durchsetzen.

Was Java betrifft, ist dessen Domäne heute neben Android-Telefonen im Serverbereich. Tatsächlich laufen Java-Applikationen ja mit hinreichend neuen JavaVM-Installationen oft auf allen Servern, wenn bei der Entwicklung gewisse Einschränkungen beachtet wurden. Ein Java-Programm, das seine Konfiguration in „C:/Programme/myCoolApp/config.properties“ sucht, wird auf Linux-Servern eher nicht das gewünschte finden, obwohl die „forward-slashes“ in Java-Programmen auch unter MS-Windows empfehlenswert sind und funktionieren. Aber es gibt immer noch genug potentielle Probleme, zum Beispiel mit Bibliotheken, die von der Java-Applikation benötigt werden, aber die inkomptabil zu der gewünschten Tomcat-Version sind, weil dort eine ältere Version derselben Bibliothek integriert und verwendet wird. Bis zu einem gewissen Grade lassen sich solche Probleme lösen und man findet immer wieder coole Ideen, die das ganz vollständig lösen wollen, wie z.B. OSGi. Mit entsprechendem Aufwand geht es auch tatsächlich in vielen Fällen, aber gewisse Bibliotheks-Inkomptabilitäten lassen sich nicht so leicht aus der Welt schaffen. so bleibt das „write once – run everywhere“ ein Versprechen, an dem viel Wahres dran ist, das aber auch seine Grenzen hat.

Nebenbei bemerkt ist das gar nicht so sehr die Eigenheit von Java. Qt mit C++ wurde schon erwähnt. Aber auch Perl, Ruby, Python, Oracle, C# (mit Mono), Lua, TeX und viele andere können ein ähnliches Versprechen wie Java abgeben und dieses ähnlich gut und mit ähnlichen Einschränkungen halten. Vielleicht ist es in Java schwieriger, nicht-triviale Dinge zu tun, die spezifisch für eine Plattform sind. Und vielleicht reicht Java in gewissen Bereichen mit diesem Versprechen etwas weiter als andere, aber für typische Server-Applikationen stimmt das „write-once-run-everywhere“ für Ruby-on-Rails mindestens genauso wie für Java-Web-Applikationen.

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