Zukunft für IT-Freiberufler

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Einige von uns arbeiten in der Informatik.
Und dort gibt es doch einige Modelle. Man kann bei der Firma, der man die Arbeit erledigt, direkt angestellt sein. Man kann als Freiberufler, also entweder mit einem speziellen Freiberufler-Status oder mit einer eigenen Ein-Personen-Firma für seinen Kunden arbeiten. Oder man kann als Angestellter einer größeren Firma für deren Kunde arbeiten. Vielleicht gibt es noch ein paar Hybridmodelle, auf die ich hier aber nicht eingehen möchte.

Ich habe alle drei Modelle kennengelernt und bevorzuge es, als Freiberufler mit meiner eigenen Firma zu arbeiten. Ich denke, dass die Menschen verschieden sind und so verschiedene Präferenzen zwischen diesen Modellen haben. Und für ein IT-Projekt ist es gut, Mitarbeiter mit verschiedenen Stärken und Erfahrungen zu haben und diese bekommt man am besten, wenn man mindestens Freiberufler und eigene festangestellte Mitarbeiter kombiniert. Diese interessieren sich in der Regel am meisten für den Erfolg des Projekts, während bei externen Mitarbeitern, die bei einer großen Firma angestellt sind, tendenziell noch eine eigene, oft nicht mit den Projektinteressen kongruente Eigendynamik des Arbeitgebers ins Spiel kommen kann, aber nicht muss. Ihr kennt sicher positive und negative Beispiele aus eigener Erfahrung: Z.B. werden in einer frühen Projektphase externe Mitarbeiter gebracht, die sehr viel können, vielleicht aber auch gute Verkäufer sind oder sich irgendwo in der Struktur des Auftraggebers etablieren. Wenn dann der große Auftrag unter Dach und Fach ist, werden überwiegend Berufsanfänger gebracht. Oder generell Personen, die eine enorme Loyalität mit ihrem Arbeitgeber mitbringen, weil das Modell, bei dem man dauernd unterwegs zu Kunden ist, bei dem dem Kunden ein hoher Stundensatz verrechnet wird und bei dem man selbst gemessen an diesem Stundensatz nur ein sehr mittelmäßiges Gehalt bekommt, nur für eine längere Zeit funktioniert, wenn diese Mitarbeiter eine sehr große Loyalität zu ihrem Arbeitgeber oder eine Scheu vor dem Risiko haben, selbst als Freiberufler oder Selbständige zu arbeiten. Genau das kann auch einmal gut sein, um ein Team mit verschiedenen Leuten zu haben, die sich gegenseitig ergänzen, wenn es das Team vielfältiger macht. Je nach Lieferant kann man bei diesem Modell auch Leute bekommen, deren technisches und fachliches Wissen sehr gut ist. Auch das habe ich gesehen und man sollte sich als Auftraggeber genau anschauen, mit wem man zusammenarbeitet, damit sowohl die Firma als auch die Leute, die tatsächlich im Projekt mitarbeiten, gut sind. Mit kleineren Firmen macht man oft bessere Erfahrungen als mit internationalen Großkonzernen, aber es gibt gute und schlechte Beispiele in allen Kombinationen. Um aber ein gutes Mischungsverhältnis von verschiedenen Charakteren zu haben, wie es dem Projekt dienlich ist, ist es gut, bei den „externen“ Mitarbeitern mindestens teilweise auch auf Freiberufler zu setzen, die selbständig arbeiten und nicht bloß Kapazitätsplanung und Checklisten für Qualifikationen anzuschauen.

Eine gute Mischung aus internen und externen Mitarbeitern, gerne auch mit einer großen Mehrheit von „internen“, ist auch für ein Projekt vorteilhaft, weil es einerseits die Flexibilität gibt, die Teamgröße zu variieren, ohne Entlassungen vornehmen zu müssen. Es sollte auch für die Loyalität der internen Mitarbeiter förderlich sein, wenn Entlassungen eher die Ausnahme als die Regel sind. So wie interne Mitarbeiter die Strukturen, Anforderungen, Kunden, IT-Systeme und die verwendeten Werkzeuge über die Jahre sehr gut kennengelernt haben, ist es auch gut, dass „externe“ relative viele Firmen von innen gesehen haben und vielleicht Dinge sehen, die einem nicht mehr auffallen, wenn man sie seit Jahren gewohnt ist, die aber doch Verbesserungspotential bieten. So kommen auch neue Ideen ins Team.

Nun sehe ich, wie die Entwicklung in der Schweiz läuft und höre davon, wie sie in Deutschland läuft.

In der Schweiz wird es auch immer schwieriger. Es gab einige Schikanen, die man als „Kollateralschaden“, als „Kleinigkeiten“ oder auch „als gezielte Verhinderung der Konkurrenz durch Kleinfirmen seitens im Parlament gute verankerter Großfirmen“ interpretieren kann. Ich lasse das einmal offen.

Man muss in der Schweiz die Mehrwertsteuerfrage und die Frage der Sozialversicherungen regeln. Das sind Henne-Ei-Probleme. Um als Firma Mehrwertsteuer abrechnen zu können, muss man Kunden haben. Den Kunden muss man eine Rechnung schreiben und darauf muss entweder eine Mehrwertsteuer mit Mehrwertsteuernummer ausgewiesen sein, die dem Kunden nicht wehtut, wenn er selbst eine Firma ist, weil er sie weiterverrechnen kann, oder man weist sie nicht aus und hat dann das Problem, wenn man nachträglich mehrwertsteuerpflichtig wird. Das lässt sich lösen, wenn man der entsprechenden Stelle schreibt, dass man Kunden oder auch einen großen Kunden hat und gerne die Mehrwertsteuer bezahlen möchte, denn letztlich wollen die ja gerne das Geld einsammeln. Bei der Rentenversicherung und den anderen Sozialversicherungen ist es schwieriger. Die bekommen das Geld sowieso. Wenn man für die selbständig ist, dann zahlt man Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteile. Wenn nicht, zahlt der Kunde die Arbeitgeberanteile. Für die Abrechnung mit einem Kunden ist es schlicht unmöglich, eine Rechnung zu stellen und den Hinweis zu geben, dass man noch nicht weiß, ob irgendeine andere Stelle später noch Arbeitgeberanteile von Sozialversicherung einsammeln wird. Die Kunden gibt es dann schlicht und einfach nicht. Als Bäcker oder Maler hat man in der Regel schnell so viele Kunden, dass einem die Selbständigkeit abgenommen wird und keine Sozialversicherung wird beim Bäcker herausfinden, wer dort alles Brot gekauft hat, um den Kunden jeweils ein paar Franken Arbeitgeberanteile abzuknöpfen. Als Maler sollte man im ersten Jahr einfach ein paar kleine Kunden haben und nicht einen riesigen Millionenauftrag wie das Anstreichen eines Hochhauses, dann ist das auch gut. Als IT-Freiberufler hat man aber eher Projekte, wie das Anstreichen eines Hochhauses, wo viele Leute, interne Mitarbeiter des Kunden und man selbst und vielleicht auch andere „externe“ mehrere Monate oder gar Jahre an einem Projekt arbeiten. Es gibt Leute, die es geschafft haben, mit einer Einzelfirma als Freiberufler bei der Sozialversicherung als Selbständige anerkannt zu werden, aber das ist die Ausnahme. In der Praxis hat man zwei Wege, um diese Situation aufzulösen. Entweder lässt man sich bei einer Vermittlerfirma oder bei einer anerkannten Firma eines Kollegen temporär zu Konditionen anstellen, die komplementär zu dem Auftrag sind und umgeht das Problem auf diesem Weg. Leider bestehen einige Auftraggeber sogar auf diesem Modell. Das andere Modell, das letztlich interessanter ist, ist es eine eigene GmbH oder AG zu gründen und bei dieser angestellt zu sein. Dann ist auch alles sauber geregelt. Anders als in Deutschland kann man in der Schweiz kaum der Rentenversicherung entgehen, sie ist aber auch nicht so exzessiv ausgelegt wie in Deutschland, sondern zahlt eher eine Minimalrente, was die Höhe der Beiträge weniger schmerzhaft ausfallen lässt. Die mit dem Einkommen korrelierte Rente bekommt man in der Schweiz durch die sogenannte zweite Säule, auch Pensionskasse genannt, wo man ein Guthaben anspart, aus dem dieser zweite Teil der Rente gespeist wird.

Nun muss eine GmbH in der Schweiz ein Eigenkapital von mindestens 20’000 CHF haben, aber man musste nur die Hälfte einbringen. Die andere Hälfte musste man als Gründer nur garantieren, das heißt im Falle einer Insolvenz bis zu 10’000 CHF aus dem Privatvermögen aufbringen, um Schuldner zu bedienen. Später kam eine Änderung, dass man die 20’000 CHF von Anfang an komplett liefern musste, aber auch alle, die mit 10’000 gegründet hatten, die anderen 10’000 nachliefern mussten. Das klingt nicht so schlimm, letztlich war aber der bürokratische Aufwand recht hoch und erforderte ca. 1-2 Tage Arbeit und Gebühren, die mehr als ein Drittel der 10’000 CHF auffraßen. Letztlich ließ sich das mit Geld und Zeit bewerfen und war gelöst. Ebenso eine andere Änderung, die sogar nachvollziehbar war. Alle GmbHs und AGs brauchen eine Buchhaltung, die von jemandem mit entsprechendem Knowhow gemacht werden muss. Das ist normal und in allen Ländern so, die eine seriöse Wirtschaftsordnung haben. Große Firmen müssen diese Buchhaltung einer Revision durch eine weiter Buchhaltungsfirma unterziehen, bei kleineren ist das nicht nötig. Auch das ist sinnvoll. Früher war es so, dass man bei GmbHs grundsätzlich annahm, dass sie „klein“ sind und bei AGs, dass sie „groß“ sind. Das wurde dann korrigiert und Größe wurde nach rationaleren Kriterien gemessen. Nun musste man als GmbH aber aus der Revisionspflicht, die man erstmal aufs Auge gedrückt bekam, aussteigen, was wiederum ein größerer bürokratischer und finanzieller Akt war.

Die nächste Hürde war die Personalverleihbewilligung. Dafür muss man einen Antrag stellen, der etwa 46 Seiten lang war, und 50’000 CHF als Sicherheit hinterlegen, die man erst ein Jahr nach Verzicht auf die Personalverleihbewilligung zurückerhalten kann. Größere Firmen müssen die gleichen 50’000 CHF hinterlegen wie kleinere, nur wird sie bei größeren Firmen durch eine Garantie ersetzt, weil man diesen ohne weiteres glaubt, dass sie 50’000 CHF jederzeit aus dem Hut zaubern können. Auch diese Hürde lies sich mit Geld und Zeit bewerfen und überwinden. Und sie wurde nachträglich sogar wieder etwas abgeschwächt, allerdings in der Form, dass große Kunden trotzdem auf der Personalverleihbewilligung bestehen und dass manche Kantone sie nicht mehr gewähren, da sie ja nicht mehr nötig sei.

Jetzt bleibt zu hoffen, dass nicht eines Tages eine neue Schikane auftaucht, die sich schlicht und einfach nicht mehr realistisch überwinden lässt. Das faktische Berufsverbot für freiberufliche Informatiker. Ich möchte gerne viele Projekte sehen und die Flexibilität des Freiberuflers haben. Und ich kann mir nicht wirklich vorstellen, bei einer großen Firma angestellt und als „externer“ für Kunden zu arbeiten und mit dem Interessenkonflikt zu leben, loyal zu meinem Arbeitgeber zu sein und dem Interesse des Kunden und des Projekts zu dienen.

In dem Fall werde ich mir ein anderes Land in Europa suchen, wo ich weiterhin in der von mir bevorzugten Form arbeiten kann. In der Hinsicht bin ich flexibel und ich werde dann auch schnell die Sprache lernen, wenn ich sie noch nicht kann.

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Ein Gedanke zu „Zukunft für IT-Freiberufler

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